„Funktioniert Führung in Teilzeit wirklich?“ – zugegeben genau diese Frage habe ich mir auch gestellt, als ich das Angebot für meine erste Führungsposition in Teilzeit auf dem Tisch liegen hatte. Damals hätte ich gerne gewusst, dass die Antwort auf diese Frage ein klares Ja ist.

funktioniert Führung in Teilzeit

Die Frage, die sich fast alle stellen

Mir war damals klar: Es geht nur in Teilzeit – oder gar nicht. Ich wollte für meine Familie da sein und im Job weiterkommen. Beides. Nicht eines von beidem. Aber konnte das funktionieren?

Was dann passierte, hat mich selbst überrascht: Es hat funktioniert. Besser, als ich und wahrscheinlich viele andere erwartet hätten. Aber eine Einzelgeschichte ist kein Beweis. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag ehrlich und datenbasiert antworten: Was sagen Zahlen, Studien und Erfahrungen aus der Praxis dazu, ob Führung in Teilzeit funktionieren kann?

Was die Statistik sagt – und was sie bedeutet

In Deutschland arbeiten heute rund 14 bis 15 Prozent aller Führungskräfte in Teilzeit – Tendenz steigend. Vor zehn Jahren waren es noch etwa 5 Prozent. Das bedeutet: Führung in Teilzeit ist längst keine absolute Ausnahme mehr.

Diese Teilzeitführungskräfte sind fast ausschließlich Frauen. Nur etwa 3 Prozent der männlichen Führungskräfte arbeiten in Teilzeit, während es bei den Frauen rund 30 Prozent sind. Je höher die Hierarchieebene, desto starrer die Rollenbilder und Stereotype – der Blick in die Chefetagen vieler Unternehmen bestätigt das. Noch 2017 gab es mehr Thomasse und Michaels als Frauen in deutschen Vorständen; erst 2019 änderte sich dieses Bild – mit einem Frauenanteil von damals 17 Prozent.

Was bedeutet das für unsere eigentliche Frage? Ganz einfach: Wenn Führung in Teilzeit grundsätzlich nicht funktionieren würde, gäbe es diese 14 bis 15 Prozent gar nicht. Sie sind der beste Beweis dafür, dass das Modell funktioniert – und das nicht erst seit gestern. Die entscheidende Frage lautet also nicht mehr ob, sondern wie Führung in Teilzeit funktionieren kann.

Warum Führung in Teilzeit dennoch so oft scheitert – obwohl es möglich wäre

Nur weil Führung in Teilzeit grundsätzlich möglich ist, heißt das nicht, dass es automatisch klappt. In der Praxis scheitert das Konzept häufig – aber selten am Modell selbst. Häufiger sind es diese drei Faktoren:

1. Unternehmenskultur: Ein Teilzeitvertrag allein reicht nicht. Wenn Meetings regelmäßig außerhalb der vereinbarten Arbeitszeit stattfinden, Beförderungen weiterhin an Präsenz gemessen werden oder der Chef skeptisch die Augenbrauen hebt, sobald jemand pünktlich um 15 Uhr geht, ist das Modell zum Scheitern verurteilt – egal wie gut die Führungskraft ist.

2. Fehlende Vorbilder: Erfolgreiche Teilzeitführungskräfte sind in der Gesellschaft kaum sichtbar. Das hat Folgen: Wer keine Vorbilder hat, zweifelt stärker an der eigenen Entscheidung – wie du auch an meinem Beispiel gesehen hast. Das macht es schwerer, denselben Weg zu gehen. Dieser Mangel an Sichtbarkeit ist ein echtes strukturelles Problem.

3. Führungsverständnis: Führung in Teilzeit mit einem klassischen „Command and Control“-Ansatz zu betreiben, funktioniert schlicht nicht. Wer 30 oder 32 Stunden pro Woche führt, kann nicht in allen Aufgabengebieten Fachexperte sein und gleichzeitig jede Entscheidung selbst treffen. Das Modell erfordert einen anderen Stil: mehr Delegation, mehr Vertrauen, mehr Eigenverantwortung im Team. Und genau darin liegt – wie wir gleich sehen werden – auch eine echte Stärke.

Was Führung in Teilzeit wirklich braucht

Wer in Teilzeit führt, muss sich früh die Frage stellen: Wie kann mein Team auch dann gut funktionieren, wenn ich nicht da bin?

Diese Frage klingt zunächst nach einer Einschränkung. In Wirklichkeit ist sie eine der wichtigsten Führungsfragen überhaupt – unabhängig vom Stundenmodell. Die Antwort liegt in einem Führungsstil, der auf Empowerment statt Kontrolle setzt. Mitarbeitende, die selbstorganisiert arbeiten, klare Aufgaben haben und Vertrauen spüren, sind produktiver, zufriedener und loyaler. Das ist kein Teilzeit-Konzept – das ist modernes Führen.

Studien belegen das: In einer Befragung gaben 63 Prozent der Führungskräfte, die flexible Arbeitsmodelle nutzen, an, dadurch motivierter zu sein. 58 Prozent berichteten von gesteigerter Produktivität, 57 Prozent von mehr Kreativität im Job. Führung in Teilzeit zwingt also dazu, genau das zu tun, was gute Führung ausmacht: loslassen, delegieren, Strukturen schaffen, die ohne ständige Anwesenheit funktionieren.

Die Zeit spielt für dich

Ein weiterer Faktor, der häufig unterschätzt wird: Die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt verändern sich gerade grundlegend. Die Fachkräftelücke wächst in vielen Branchen, weil die sogenannten Babyboomer in den nächsten Jahren in Rente gehen und eine gewaltige Lücke hinterlassen – bis 2035 rechnet die Bundesregierung mit bis zu sieben Millionen fehlenden Fachkräften.

In diesem Kontext ist Führung in Teilzeit kein Entgegenkommen des Arbeitgebers mehr – sie ist Teil einer klugen Fachkräftesicherungsstrategie. Unternehmen, die flexible Karrierewege anbieten, gewinnen loyale, erfahrene Mitarbeitende und sichern sich einen Wettbewerbsvorteil. 94 Prozent der Beschäftigten mit Kindern bestätigen, dass familienfreundliche Maßnahmen für sie bei der Arbeitgeberwahl wichtig sind – und auch ein Großteil der Mitarbeitenden ohne Care-Verantwortung empfindet das Thema als relevant.

Gleichzeitig ist Führung schon lange nicht mehr so attraktiv wie in früheren Zeiten. Studien belegen, dass nur och 14% aller Mitarbeitenden Führungskraft werden wollen. Teilzeitmodelle wie Jobsharing und Co sind da ein wichtiges Instrument, um die Übernahme von Führungsverantwortung wieder attraktiver zu machen.

Das bedeutet für dich: Du kannst erhobenen Hauptes in das Gespräch mit deinem Arbeitgeber gehen. Du bist nicht die, die um ein Zugeständnis bittet – du bist eine qualifizierte Führungskraft, die ein zukunftsfähiges Modell mitbringt.

Was rechtlich gilt: Dein Anspruch auf Teilzeit

Viele Menschen wissen nicht, wie stark ihre rechtliche Position in diesem Bereich eigentlich ist. Das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) regelt in § 6, dass Teilzeitbeschäftigung auch in leitenden Positionen ermöglicht werden soll. Das schlägt das häufige Scheinargument von Arbeitgebern, Führung in Teilzeit sei schlicht nicht möglich. Zusätzlich gilt: Teilzeitbeschäftigte dürfen gemäß § 4 TzBfG gegenüber Vollzeitkräften nicht benachteiligt werden – weder bei der beruflichen Entwicklung noch bei Sonderzahlungen.

Und seit 2019 gibt es die sogenannte Brückenteilzeit (§ 9a TzBfG): Wer seine Arbeitszeit für ein bis fünf Jahre reduziert, hat danach automatisch Anspruch auf Rückkehr zur ursprünglichen Stundenanzahl. Die sogenannte Teilzeitfalle, in der viele früher stecken blieben, ist rechtlich damit geschlossen – für alle Unternehmen mit mehr als 45 Mitarbeitenden.

Diese Informationen ersetzen natürlich keine rechtliche Beratung – wenn du genau wissen willst was auf dich zutrifft, solltest du dich bei einem Fachanwalt oder einer Fachanwältin beraten lassen.

Die ehrliche Antwort: Führung in Teilzeit funktioniert – aber nicht auf magische Weise

Führung in Teilzeit funktioniert. Das belegen Zahlen, Studien und tausende gelebte Beispiele. Aber sie funktioniert nicht von allein. Sie braucht:

Die gute Nachricht: All das ist lernbar. Es gibt kein Patentrezept, das für jede Person in jeder Branche gleich gut funktioniert. Aber es gibt Best Practices, Werkzeuge und Erfahrungen von Führungskräften, die diesen Weg bereits gegangen sind – und von denen du profitieren kannst.

Viele Beispiele und Erfahrungsberichte findest du auch im TEILZEIT.TALENTE Podcast.


Johanna Fink ist Expertin für Führung in Teilzeit und Autorin des Praxisbuchs „So wird Führung in Teilzeit zum Erfolg!“. Seit 2021 spricht sie in ihrem Podcast mit Teilzeitführungskräften, ExpertInnen und UnternehmensvertreterInnen über die Zukunft der Arbeit.