Wenn es um die Gründe für die hohe Quote an Teilzeitarbeitenden in Deutschland geht, wird die Diskussion schnell ideologisch. Deshalb ist es immer gut, die Zahlen, Daten und Fakten zu kennen.
Gleichzeitig müssen Statistiken immer auch mit Vorsicht genossen werden – die Statistik zu den Gründen für Teilzeitarbeit ist dafür ein gutes Beispiel. Schaut man sich diese Statistik mit unbedarftem Auge an, könnte man sich den Wir-müssen-alle-mehr-arbeiten-Apelle anschließen. Denn die Statistik scheint zu zeigen, dass viele Menschen aus Spaß an der Freude auf einen Teil ihres Einkommens verzichten.

Blickt man hinter die Kulissen ergibt sich ein anderes Bild. Aber zunächst zu den offensichtlichen Punkten und Gründen für Teilzeit.
Der Top-Grund für Teilzeit ist nicht die Care-Arbeit
In der öffentlichen Wahrnehmung wird Care-Arbeit immer noch als primärer Grund für Teilzeitarbeit gesehen. Das ist falsch – der „Wunsch nach Teilzeittätigkeit oder andere Gründe“, wie es in der Statistik so schön heißt, steht unangefochten an Platz eins. Erst danach folgt die Care-Arbeit.
Das zeigt, dass Teilzeit schon lange nicht mehr nur Mutti-Modell ist, sondern hinter dem Teilzeitwunsch viel andere Gründe wie eine berufsgeleitende Aus- und Weiterbildung oder eine Krankheit oder Behinderung stehen. Teilzeit muss also differenziert betrachtet werden und die unterschiedlichen Gruppen an Teilzeitarbeitenden haben auch unterschiedliche Herausforderungen und Bedürfnisse.
Der Gender-Care-Gap wirkt sich deutlich auf Teilzeit aus
Zwischen Männern und Frauen gibt es signifikante Unterschiede, was die Stellung der Care-Arbeit als Ursache für den Teilzeitwunsch betrifft. Bei Männern ist Care immer noch wesentlich seltener ein Grund für die Teilzeit. Stattdessen spielt hier die berufliche Aus- und Weiterbildung eine wichtigere Rolle. Bei Frauen steht die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Angehörigen auf Platz zwei.
Das zeigt auch, dass der Gender-Care-Gap – also die ungleiche Verteilung von unbezahlter Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen in Deutschland – deutliche Auswirkungen darauf hat, wie viel bezahlte Arbeit eine Person leisten kann. Mehr Care bedeutet im Regelfall damit auch weniger Erwerbsarbeit und damit weniger Einkommen und Rente.
Wir haben kein Motivationsproblem, wenn es um Teilzeitarbeit geht!
So weit, so offensichtlich. Beschäftigt man sich ein wenig mit dem Thema Teilzeitarbeit fällt etwas auf. Ein oder besser zwei wichtige Gründe für Teilzeit fehlen in der Statistik. Wobei – fehlten tun sich natürlich nicht, sie sind nur geschickt verpackt.
In Gesprächen mit Teilzeitkräften höre ich immer wieder mal: „Meinen Job würde ich in Vollzeit gar nicht schaffen“. Diese persönliche Belastung durch schlechte strukturelle Rahmenbedingungen, wie in der Pflege beispielsweise, werden in der Statistik komplett ausgeblendet.
Ich bin davon überzeugt, dass viele Menschen in Teilzeit arbeiten, weil sie auf diese Art und Weise ihr Gesundheit schützen. Und dafür auf Einkommen verzichten. Auch repräsentative Umfragen unter Teilzeitkräften wie die von StepStone Austria aus dem Jahr 2023 stützen diese Hypothese.
Dort wurden Teilzeitkräfte nach ihren Gründen für ihren Teilzeitwunsch befragt. Unter Antwortkategorien fanden sich unter anderem die Optionen „Meine Arbeit fordert mich zu sehr, Vollzeit würde ich mental/körperlich nicht schaffen.“ Insgesamt 75% der Befragten haben diesen beiden Ausgaben zugestimmt – Mehrfachantworten möglich. Die beiden Gründe landeten so auf Platz zwei und drei der Rangliste.
Anstatt also die sogenannte Lifestyle-Teilzeit zu verhindern und die Verantwortung auf das Individuum zu verlagern, sollten wir uns mit den strukturellen Rahmenbedingungen in der Gesellschaft (z.B. Pflegenotstand) und in Organisationen (z.B. Arbeitsverdichtung) widmen, die dazu führen könnten, dass Menschen wieder mehr arbeiten.
Was können Unternehmen tun?
Für Unternehmen ist es wichtig, diese Dynamik zu verstehen, um passende Gegenmaßnahmen ergreifen zu können. Im Zuge der Fachkräftesicherung und einer zukunftsweisenden Strategie sind präventive Maßnahmen auf der individuellen Ebene, wie Trainings oder Coachings zum Thema Stress- oder Zeitmanagement, ein wichtiger Baustein.
Gleichzeitig sollten strukturelle Hürden und Belastungen ernst genommen und bearbeitet werden. Denn wenn die mentale Belastung im Job zu hoch ist, hat das langfristig negative gesundheitliche Folgen für den oder die Einzelne:n. Das Unternehmen „bezahlt“ mit Fehlzeiten und Ausfällen. Regelmäßige Befragungen der Mitarbeitenden nach belastenden Faktoren sowie deren Beseitigung gehören dabei genauso dazu wie die Sensibilisierung von Führungskräften im Unternehmen durch passende Workshops und Trainings. Von diesen Maßnahmen profitieren übrigens alle Mitarbeitenden – nicht nur die in Teilzeit.