„Die Deutschen arbeiten zu wenig.“ Diese Aussage taucht regelmäßig in politischen Debatten, Leitartikeln und LinkedIn-Posts auf. Aber ist er richtig? Und bringt er uns wirklich weiter?

Die Aussage „Die Deutschen arbeiten zu wenig.“ enthält einen deutlichen Apell an Arbeitnehmende – insbesondere an die in Teilzeit: Arbeite mehr, du Faulpelz!
Arbeite mehr, du Faulpelz
Es schwingt also ein klarer Vorwurf an 40 Prozent aller Arbeitnehmenden mit – denn so viele arbeiten inzwischen in Teilzeit: Du zeigst nicht genügend Einsatz und zu wenig Leistungsbereitschaft. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen, die Care- und Erwerbsarbeit leisten, unter Druck und stellen sich die Frage: Was mache ich falsch? Warum bekomme ich Familie und Beruf nicht unter einen Hut? Ein Paradoxon – wir pfeifen aus dem letzten Loch und arbeiten immer noch nicht genug. Was ist da also los?
Doch zuerst einmal zu Behauptung an sich – stimmt sie wirklich? Ein genauerer Blick zeigt: Nein – wir arbeiten nicht zu wenig. Auf den ersten Blick wirken Zahlen zu Teilzeitquoten, Vier-Tage-Woche oder Homeoffice wie ein Beleg für sinkende Arbeitsleistung. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn: Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden insgesamt ist so hoch wie nie. Insgesamt wird also heute mehr gearbeitet als früher – nur anders verteilt: Es sind mehr Menschen – uns insbesondere mehr Frauen erwerbstätig. Die Lebensarbeitszeit hat sich verlängert und Erwerbsarbeit ist häufig stärker in den Alltag integriert.
Das Problem ist nicht die Arbeitszeit, sondern wie wir sie nutzen
Das Problem ist also nicht fehlende Arbeitszeit. Das Problem ist, wie diese Arbeitszeit genutzt wird. Die spannendere (und ehrlichere) Frage lautet deshalb: Wie produktiv arbeiten wir eigentlich? Denn viel arbeiten heißt nicht gut arbeiten. Auch wenn uns das mancher Politiker weiß machen möchte. In vielen Organisationen erlebe ich volle Kalender und wenig Fokus, endlose Meetings ohne klare Ergebnisse, ständige Unterbrechungen durch Mails, Chats und Tools und Multitasking statt konzentrierter Arbeit.
Das Ergebnis: Die Menschen sind beschäftigt – aber nicht unbedingt produktiv. Oder anders gesagt: Wir arbeiten viel. Wir arbeiten nur oft am Falschen oder im falschen Modus.
Die wichtigere Frage ist deshalb: Wie produktiv sind wir wirklich? Produktivität bedeutet nicht, immer schneller oder länger zu arbeiten. Produktivität heißt, klare Prioritäten statt Dauerreaktion, Zeit für konzentriertes Arbeiten (Deep Work), sinnvolle Prozesse statt Bürokratie, und realistische Ziele statt Dauerüberlastung. Gerade in wissensintensiven Berufen entsteht Wert nicht durch Stunden, sondern durch Qualität von Aufmerksamkeit, Denken und Entscheidungen.
Die Fixierung auf Arbeitszeit lenkt damit vor allem von den eigentlichen Herausforderungen ab. Schlechte Arbeitsorganisation und Führungsschwäche, unklare Rollen und Erwartungen, mangelnde Entscheidungsbefugnisse oder eine ineffiziente Meeting- und Kommunikationskultur. Solange diese Themen ungelöst bleiben, wird auch eine längere Arbeitszeit keine besseren Ergebnisse bringen – sondern vor allem mehr Erschöpfung.
Mehr Arbeitszeit bringt nur mehr Erschöpfung
Statt über „mehr Arbeit“ zu diskutieren, sollten wir uns fragen, was wirklich wichtig ist. Woran messen wir Leistung? Wie schaffen wir Fokus statt Dauerstress? Welche Arbeit kann wegfallen oder vereinfacht werden? Und wie unterstützen Führungskräfte produktives Arbeiten?
Diese Fragen sind unbequem, denn sie weisen auf strukturelle und vor allem menschliche Defizite hin. Denn verantwortlich für dieser Themen sind vor allem die Führungskräfte in Organisationen. Sie bestimmen, wie Leistung bewertet wird, geben vor wie Meetings ablaufen und Organisieren Verantwortlichkeiten. Statt sich selbst an die Nase zu fassen ist es da doch deutlich bequemer, die Arbeitnehmer:innen in die Pflicht zu nehmen und mehr zeitliches Engagement und bessere Organisation des Familienalltags zu fordern.
Ich würde mir wünschen, dass wir auch in der gesellschaftlichen und politischen Debatte endlich die Produktivität in den Fokus nehmen. Denn so viel sei schonmal verraten. Teilzeitmitarbeitende sind meist genau das – ziemlich produktiv.