Teilzeitkräfte tragen häufig viel Verantwortung. Für ihre Aufgaben, für Projekte, für Ergebnisse – und oft auch für andere Menschen. Sie sind sorgende Mütter und Väter, pflegende Söhne und Töchter oder übernehmen Verantwortung im Ehrenamt.

„Ich will meine Arbeit gut machen – aber ich habe das Gefühl, ständig am Limit zu sein.“ Diesen Satz höre ich von Teilzeitkräften immer wieder. Und diese Spannung ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck einer Arbeitswelt, in der Verantwortung hoch bewertet, Grenzen aber wenig unterstützt werden. Selbstführung wird in diesem Kontext schnell zur Dauerleistung. Und genau hier lohnt sich ein genauerer Blick.
Wenn es in Teilzeit eng wird, lautet der gängige Rat: Du musst härter priorisieren, effizienter arbeiten, fokussierter sein und dich insgesamt besser organisieren. Selbstführung wird dabei als Selbstoptimierung verstanden: Ich muss noch besser sein, damit alles klappt. Dieses Verständnis ist weit verbreitet – und hoch problematisch. Denn es verschiebt die Verantwortung vollständig auf die einzelne Person und übersieht die zentrale Frage: Was ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen überhaupt leistbar, ohne die eigene Gesundheit auf’s Spiel zu setzen?
Wenn Selbstführung zur Selbstüberforderung wird
Selbstführung wird so für viele Teilzeitkräfte zur permanenten Kompensationsleistung. Aber was sind typische Anzeichen dafür, dass Selbstführung in problematische Selbstoptimierung kippt? Diese Menschen gönnen sich kaum echte Pausen – beruflich und privat, haben das Gefühl, immer „noch etwas offen“ zu haben, denken auch außerhalb der Arbeitszeiten ständig über die Arbeit nach und fühlen sich unruhig und gestresst – trotz reduzierter Arbeitszeiten.
Viele Teilzeitkräfte reagieren darauf mit noch mehr Disziplin, noch mehr Struktur und noch mehr Kontrolle. Reißen sich am Riemen und beißen die Zähne zusammen. Wortwörtlich. Kurzfristig kann das funktionieren. Langfristig führt das oft zu mentaler und körperlicher Erschöpfung. Nicht, weil diese Menschen nicht belastbar sind – sondern weil Selbstführung ohne Begrenzung nicht gesund ist.
Was Selbstführung in Teilzeit wirklich bedeutet
Für mich ergibt sich daraus ein anderes Verständnis von Selbstführung. Eines, das Menschen entlastet und nicht noch weiter in die Belastung treibt. Selbstführung in Teilzeit heißt für mich nicht: „Alles unter einen Hut bekommen.“ Sondern bewusst zuentscheiden, was unter diesen Hut gehört – und was alles nicht.
Folgende drei Gedanken können im Beruf und im Privaten dabei helfen, ein gesundes Verständnis von Selbstführung zu entwickeln:
1. Verantwortung bewusst definieren: Nicht alles, was wichtig ist, liegt automatisch in meiner Verantwortung.
2. Prioritäten aktiv setzen: Nicht alles, was möglich wäre, ist auch sinnvoll.
3. Unvollständigkeit akzeptieren: Nicht alles wird erledigt – und das ist kein persönliches Versagen.
Diese Haltung entlastet – nicht weil sie die Arbeit an sich reduziert, sondern weil sie die Perspektive auf die Situation verändern und damit inneren Druck reduzieren kann.
Die Rolle von Führung und Organisation
Selbstführung entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn sie nicht im luftleeren Raum stattfindet. Führungskräfte beeinflussen entscheidend, wie viel Verantwortung Teilzeitkräfte tragen, wie klar Prioritäten sind und ob Grenzen gezogen werden können. Organisationen wiederum prägen, ob Selbstführung als Reife oder als Rückzug interpretiert wird, ob Leistung über Wirkung oder Präsenz definiert ist und ob Teilzeitmodelle realistisch gestaltet werden. Wo diese Rahmenbedingungen fehlen, wird Selbstführung zur Mammutaufgabe.
In meinen Trainings zu Zeit- und Selbstmanagement für Teilzeitkräfte geht es deshalb hauptsächlich nicht um noch ausgefeiltere Tools, noch engere Zeitpläne und noch mehr Selbstdisziplin. Sondern um Klarheit über die eigene Rolle, bewusste Entscheidungen, realistische Erwartungen an sich selbst und eine gesunde Abgrenzung. Gleichzeitig arbeite ich mit Organisationen daran, Selbstführung nicht zu romantisieren, sondern tragfähige Rahmenbedingungen zu schaffen, die dazu beitragen, dass Teilzeitmitarbeitende gesund Karriere machen können.
Selbstführung in Teilzeit bedeutet nicht, immer alles im Griff zu haben. Sie bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen – inklusive der eigenen Grenzen. Verantwortung tragen, ohne auszubrennen, gelingt dort, wo Gestaltungsspielräume real sind, wo Erwartungen klar sind und wo Unvollständigkeit kein Makel ist. Wo das gelingt, wird Teilzeit nicht zur Daueranstrengung, sondern zu einem tragfähigen Arbeitsmodell für alle Beteiligten.