Viele Menschen entscheiden sich für Teilzeit mit einer klaren Hoffnung: weniger Druck, mehr Luft, bessere Balance. Und tatsächlich berichten viele Teilzeitkräfte, dass sie dankbar sind für die zusätzliche Zeit – für Familie, für Erholung, für anderes im Leben. In der Praxis geht dieser Plan aber häufig nicht auf. Aber woran liegt das?

Die Erfahrung, dass Teilzeitarbeit anstrengender und stressiger ist, als Vollzeit, ist kein Einzelfall. Und sie ist kein persönliches Versagen. Sie verweist auf ein strukturelles Missverständnis darüber, wie Stress entsteht – und was Teilzeit leisten kann und was nicht.

Die Logik klingt bestechend einfach: Wenn Arbeit stressig ist, reduzieren wir die Arbeitszeit – und damit die Belastung. Dieses Denken ist tief verankert in Organisationen, bei Führungskräften und bei Teilzeitkräften selbst. Stress wird dabei fast ausschließlich als Zeitproblem verstanden: Zu viele Aufgaben, zu wenig Stunden. Doch genau hier liegt der Denkfehler.

Stress entsteht nicht durch reduzierte Stunden, sondern durch unveränderten Workload

Stress entsteht nicht primär durch die reduzierte Stundenzahl, sondern durch das, was gleichzeitig unverändert bleibt: Aufgaben, Verantwortlichkeiten, Erwartungen und eigene Maßstäbe. Teilzeit bedeutet dann zwar weniger Stunden im Vertrag – aber keine echte Reduktion der Arbeitslast. Arbeit wird so oft nur kleiner gerechnet, aber nicht neu gedacht.

Diese Dynamik trifft sowohl Mitarbeitende in Teilzeit als auch Führungskräfte: Auch Führung in Teilzeit scheitert häufig nicht an der Stundenzahl, sondern an fehlender Klarheit über Rollen, Verantwortung und Entscheidungsräume. Arbeitsmodelle für Teilzeitführungskräfte funktionieren dann nach dem Prinzip Hoffnung: Wird schon irgendwie gutgehen. Geht aber dann meistens doch nicht.

In der Praxis zeigt sich dieses Problem dann durch Aussagen von Teilzeitkräften wie „Ich mache in vier Tagen, was ich vorher in fünf Tagen gemacht habe.“ oder „Ich bin an meinen Arbeitstagen komplett durchgetaktet.“ Die reduzierte Arbeitszeit führt also nicht automatisch zu weniger Arbeit, sondern bei schlechter Umsetzung oft zu höherem Tempo, weniger Pausen mehr Stress. Also oft genau das Gegenteil dessen, was mit der Entscheidung für die Teilzeit eigentlich erreicht werden sollte.

Aus der mangelhaften Umsetzung entstehen Negativerfahrungen in der Organisation

Was daraus entsteht sind dann Negativerfahrungen in der Organisation, die statt der mangelhaften Umsetzung dem Arbeitsmodell Teilzeit per se zugeschrieben werden. Ein kardinaler Fehler, der oft nur mühsam wieder ausgebügelt werden kann. Denn nichts bleibt so gut im Gedächtnis einer Organisation, wie etwas das nicht funktioniert hat.

Neben der Belastung durch die Arbeit an sich kommt bei Teilzeitkräften häufig eine Belastung, über die selten gesprochen wird, nämlich die innere Arbeit, die Teilzeitkräfte leisten. Viele erleben ein starkes Verantwortungsgefühl und haben den Wunsch, „ihren Job trotzdem gut zu machen“. Dahinter steht die Angst, als weniger belastbar wahrgenommen zu werden und häufig auch ein latentes schlechtes Gewissen, nicht mehr so verfügbar so sein, wie in Vollzeit.

Gerade engagierte, leistungsorientierte Menschen versuchen dann, die reduzierte Zeit durch eine höhere Effizienz, ständige Erreichbarkeit und emotionale Mehrarbeit zu kompensieren. Teilzeit wird so zur individuellen Anpassungsleistung – statt zu einem bewusst gestalteten Arbeitsmodell.

Trainings für Teilzeitkräfte sind sinnvoll – bis zu einem gewissen Punkt

Nicht umsonst bieten Menschen wie ich deshalb Trainings und Coachings für Teilzeitkräfte an. Zeitmanagement, Stressbewältigung, Resilienz und Selbstorganisation sind hier beliebte Themen. All das kann hilfreich sein – aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Denn: Wenn Aufgaben, Rollen und Erwartungen unklar bleiben, wird Selbstmanagement zur Daueranstrengung. Die Teilzeitkraft kann sich noch so gut organisieren – wenn das System widersprüchlich ist, bleibt der Stress. Diese Erkenntnis ist zentral und wichtig für alle, die sich mit dem Thema Teilzeit befassen: Erfolgreiche (Teilzeit-)Arbeit entsteht nicht durch permanente Selbstoptimierung, sondern durch klare Rahmenbedingungen und bewusste Gestaltung.

Was ist entscheidend, damit Teilzeit entlastend wirkt?

Damit Teilzeit entlastend wirken kann, braucht es mehr als einen Arbeitsvertrag mit reduzierter Stundenanzahl. Aus meiner Erfahrung sind vier Punkte entscheidend:

1. Klare Prioritäten: Woran werden Erfolg und Leistung gemessen? Welche Ziele sind zentral?

2. Realistische Aufgabenpakete: Was passt noch in den Job und was nicht? Und was passiert mit den Aufgaben, die nicht mehr übernommen werde können?

3. Geklärte Erwartungen: Was wird erwartet – und was explizit nicht? Wer bestimmt über den Erfolg des Modells anhand welcher Kriterien?

4. Geteilte Verantwortung: Wer kann Verantwortlichkeiten übernehmen? Können Bereiche (auf)geteilt werden? Wo macht eine gemeinsame Verantwortung Sinn?

Diese Fragen sind oft nicht einfach und pauschal zu beantworten, betreffen sie doch oft das ganze Team und die Zusammenarbeit mit der eigenen Führungskraft. Dennoch ist ihre Klärung zentral, um Teilzeit wirklich zum Erfolg zu machen.

Teilzeit wird hier politisch

Hier wird Teilzeit schnell politisch – im besten Sinne. Denn Organisationen stehen vor einer Wahl: Entweder Teilzeit wird stillschweigend geduldet oder aktiv gestaltet. Teilzeit aktiv zu gestalten und damit als strategische Maßnahme zu begreifen, bedeutet Teilzeit nicht als Ausnahme sondern als Normalfall mitzudenken, Führungskräfte dafür zu qualifizieren und strukturelle Belastungen sichtbar zu machen, statt sie zu individualisieren.

Insbesondere beim Thema Stress lohnt sich dieser Perspektivwechsel. Denn hohe Belastung in Teilzeit ist kein individuelles Problem, sondern Symptom struktureller Probleme. Das ist auch der Grund dafür, dass es in meinen Trainings zum Stressmanagement für Teilzeitkräfte deshalb nie nur um Atemübungen, To-do-Listen und persönliche Resilienz geht. Sondern immer auch um Rollenklarheit, Erwartungsmanagement und Selbstführung.

Gleichzeitig arbeite ich mit Organisationen daran, Teilzeit nicht länger als individuelles Arrangement zu behandeln, sondern als strategische Aufgabe, die eine Antwort auf viele Herausforderungen unserer Zeit wie den demografischen Wandel oder die Komplexität.

Was mir wichtig ist: Teilzeit kann entlasten. Aber sie tut es nicht automatisch. Weniger Stress entsteht nicht durch weniger Stunden allein, sondern durch Klarheit, bewusste Entscheidungen und realistische Rahmenbedingungen. Wenn Teilzeitkräfte trotz reduzierter Arbeitszeit dauerhaft unter Druck stehen, ist das kein persönliches Scheitern – sondern ein Hinweis darauf, dass im System etwas nicht stimmt.